Herzlich willkommen zum Opernfuehrer Audio zu Giuseppe Verdis >>Il Trovatore<<, vielleicht einem der turbulentesten Werke des italienischen Komponisten. Eine Oper, in der die Nachklaenge des italienischen Belcanto noch spuerbar sind und die trotzdem mit einer einzigartigen theatralen Dynamik in Richtung Neuerung draengt. Die Geschichte von >>Il trovatore<< basiert auf einem spanischsprachigen, romantischen Mittelalterdrama aus dem Jahr 1836, mit dem der junge Theaterautor Antonio Garcia Gutierrez seinen ersten großen Erfolg feierte. Sein Stueck >>El trovador<<, uraufgefuehrt in Madrid, war damals sogar so beliebt, dass der Applaus nach der Urauffuehrung nicht enden wollte, bis der Autor hoechstpersoenlich auf der Buehne erschienen – was bis dahin alles andere als gang und gaebe war. Der abgedruckte Dramentext war binnen zwei Wochen vollstaendig vergriffen und gelangte vermutlich in einer spaeteren, in Paris veroeffentlichten Ausgabe in die Haende von Verdi, der von dem Stoff sofort inspiriert war. Vermutlich uebersetzte die damalige Lebensgefaehrtin und spaetere zweite Ehefrau des Komponisten, Giuseppina Strepponi, das Theaterstueck ins Italienische und schuf so die Grundlage fuer den Librettisten des Werks, Salvadore Cammarano. Was Verdi an diesem Stueck wahrscheinlich faszinierte, war die ungewoehnliche bis bizarre Figurenkonstellation, eine Fuelle an dramatischen, sich immer weiter verschaerfenden Situationen und ikonischen Spielorten. Und das alles verlegt in das mystische mittelalterliche 15. Jahrhundert im spanischen Koenigreich Aragonien. Fuer den Komponisten offensichtlich eine ideale Ausgangslage fuer mitreißendes, fesselndes Musiktheater. Die Anordnung der Figuren des Stuecks ist auf den ersten Blick zunaechst eigentlich ueberschaubar. Es gibt vier Hauptpartien: eine Tenorrolle, den titelgebenden Troubadour Manrico, der in die Sopranpartie, die Hofdame Leonora, verliebt ist. Sie erwidert seine Gefuehle. Doch selbstverstaendlich gibt es ein Hindernis fuer das Paar. Eine Rolle, die von seinem Bariton gesungen wird: den Graf Luna, der Leonora ebenfalls liebt und vor Eifersucht vollkommen von Sinnen ist. Soweit ist die Handlungsanlage einfach zu durchblicken und sehr typisch fuer die italienische Oper des 19. Jahrhunderts. Doch die Besonderheit dieser Oper ist, dass Verdi in diese Grundsituation noch eine vierte Hauptrolle fuer Mezzosopran komponierte, einem Stimmfach tiefer als der Sopran, das im romantischen italienischen Repertoire eher selten zur Hauptfigur ernannt wird. Diese Rolle ist Azucena, die Mutter des Troubadours Manrico. In ihrer Figur liegt der Antrieb der gesamten Handlung, der das einfache Liebesdreieck zwischen Leonora und den beiden Maennern Manrico und Graf Luna aus den Angeln hebt. Denn Azucena hat ein Geheimnis, eine Vorgeschichte, die die beiden Maenner betrifft und einige Jahre vor Beginn der Handlung, die wir auf der Buehne erleben, stattgefunden hat. Azucenas Mutter, also praktisch Manricos Großmutter, wurde auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Das Todesurteil hatte damals der alte Graf Luna ausgesprochen, nachdem man die Frau im Kinderzimmer bei einem seiner zwei Soehne angetroffen hatte. Die fremde Frau wurde kurzerhand der Hexerei bezichtigt, als das Kind darauf erkrankte. Azucena erlebte die Verbrennung ihrer Mutter live mit. Dem Tod nahe, forderte die alte Frau, dass ihr Mord geraecht werde. Unter den Eindruecken der Verbrennung schritt Azucena zur Vergeltungstat. Sie entfuehrte Garzia, den kleinen Sohn des alten Grafen, und wollte ihn in das noch brennende Feuer werfen. Doch im Eifer des Gefechts geschah das Unmoegliche. Statt das Grafenkind zu toeten, gelangte ihr eigener Sohn ins Feuer. An seiner Stelle zog sie das entfuehrte Kind auf. Der heutige Manrico. Manrico aber ahnt von alledem nichts. Und auch der inzwischen erwachsene zweite Sohn des Grafen, der heutige Graf Luna, hat keine Ahnung, dass sein Erzfeind in Wahrheit sein vermisster Bruder ist. Luna wurde von seinem Vater zwar die Aufgabe uebertragen, seinen verschollenen Bruder zu suchen, doch es ist voellig unklar, ob er wirklich noch am Leben sein koennte. Schließlich wurden damals in der Asche des Scheiterhaufens die verkohlten Knochenreste eines Jungen gefunden. Aus dieser Vorgeschichte heraus entwickelt sich das Geschehen der Oper, in der ein Extrem das naechste jagt. Und es gibt einige Wendungen, bis die Wahrheit, die Bruderschaft von Manrico und Luna, auf dramatischste Weise doch noch ans Licht kommt. Im ersten Akt erzaehlt der Hauptmann Ferrando, der dem Graf untersteht, die Geschichte aus seiner Perspektive. Er weiß, dass die Tochter der Hingerichteten fuer das Verschwinden und den moeglichen Tod des Grafen Sohns verantwortlich ist. Er war damals dabei und ist sich sicher, dass er die Frau jederzeit wiedererkennen koennte. Graf Luna ist allerdings mehr mit seiner unerfuellten Liebe beschaeftigt als das Raetsel, um seinen verlorenen Bruder zu loesen. Die Hofdame Leonora schmachtet derweil fuer den Troubadour und kann sich kein Leben außer dem an seiner Seite vorstellen. Als sie nachts seine singende Stimme hoert, will sie zu ihm. Doch sie verwechselt ihn mit dem Grafen, der auch ploetzlich aufgetaucht ist. Nun stehen sich Manrico und Graf Luna gegenueber. Es kommt zum Duell. Denn sie merken, sie lieben nicht nur dieselbe Frau, die Situation ist noch weiter ueberspitzt. Das ganze Geschehen spielt in Zeiten eines Buergerkriegs, bei dem Luna auf Seiten der Krone und Manrico auf Seiten der Rebellen agiert. Sie sind also auch politische Feinde. Im zweiten Akt findet sich Manrico bei seiner vermeintlichen Mutter Azucena wieder. Zwischen den Akten ist einiges passiert. Manrico hat Graf Luna sowohl im Duell, aber auch spaeter auf dem Schlachtfeld verschont und kann sich selbst nicht erklaeren, warum er den Gegner nicht verletzen konnte. In der Folge wurde er im Krieg jedoch schwer verwundet. Azucena hat ihn bei sich aufgenommen und gepflegt. Sie erinnert sich an die Ermordung ihrer eigenen Mutter. Die traumatische Geschichte bricht aus ihr hervor und Manrico stellt erstmals die Frage, ob er wirklich ihr wahrer Sohn ist. Bevor die Sache geklaert werden koennte, wird Manrico eine andere Neuigkeit von einem Boten eroeffnet. Leonora glaubt, dass Manrico im Krieg gefallen sei und will, um dem Grafen und einem Leben ohne ihre wahre Liebe zu entkommen, ins Kloster eintreten. Der Troubadour eilt zum Kloster, um Leonora aufzuhalten, und trifft dort auf den Grafen, der sich erneut eingestehen muss, dass er im Kampf um Leonora leer ausgeht. Nach der Pause im dritten Teil ist wieder etwas Zeit vergangen. Manrico ist bei Leonora und seine Mutter Azucena hat sich auf die Suche nach ihm gemacht. Sie wird von Ferrando, Graf Luna und seinen Maennern aufgehalten und nun erkennt der Hauptmann in ihr die Frau, die einst den kleinen Garzia entfuehrte. Als sie dann erfahren, dass Azucena auch die Mutter Manricos ist, will der Graf sie quaelen, um sich an Manrico zu raechen. Der Troubadour erhaelt Nachricht, dass der Graf Azucena in Gewahrsam hat, und trennt sich von Leonora, um seine Mutter zu retten. Doch das Rettungsmanoever scheitert. Im vierten Akt sieht sich nun Leonora vor der Aufgabe, Manrico zu retten, der ebenso wie Azucena zum Tode verurteilt ist. Leonora bietet sich selbst dem Grafen an, um die Freilassung von Manrico zu erwirken, und als dieser einwilligt, vergiftet sie sich heimlich. Trotzdem gelingt die Flucht fuer den Troubadour nicht. Der Graf begreift, dass Leonora Gift genommen und ihn getaeuscht hat und verlangt, dass Manrico auf der Stelle getoetet wird. Im Augenblick seines Todes verkuendet Azucena, dass Manrico der verschollene Bruder des Grafen ist. Luna hat Garzia eigenhaendig ermordet und die Rache Azucenas ist vollkommen. Nicht nur das heutige Publikum mag bei dieser Fuelle an blutruenstigen Extremsituationen die Glaubwuerdigkeit der Geschehnisse zumindest infrage stellen. Auch der Librettist der Oper, Salvadore Cammarano, zeigte sich skeptisch. Als alter Hase der italienischen Oper hatte Cammarano in der Vergangenheit große Erfolge mit Libretti wie dem fuer Gaetano Donizettis >>Lucia di Lammermoor<< gefeiert und war mit Verdi bereits durch Arbeiten wie >>Luisa Miller<< verbunden. In der Korrespondenz zwischen Komponist und Librettist liest sich deutlich heraus, dass Verdi Feuer und Flamme fuer das Drama der spanischen Schauerromantik war und eigentlich darauf hoffte, mit diesem Stoff die italienischen Opernkonventionen zu durchbrechen. Doch Cammarano entwickelte eher lustlos ein Libretto, das der tradierten Form entsprach. Verdi verehrte den Librettisten sehr und ließ sich auf diese Formgebung letzten Endes ein. Als Cammarano im Sommer 1852 nach anhaltender Krankheit starb, war das fuer Verdi ein schockierendes und trauriges Ereignis. Trotzdem sollte die Oper im Januar 1853 uraufgefuehrt werden. Die letzten Handgriffe am Libretto uebernahm Leone Emanuele Bardare, ein enger Freund Cammaranos. Trotz der widrigen Entstehungsbedingungen erntete >>Il Trovatore<< bereits bei seiner Urauffuehrung triumphalen Applaus und knuepft damit an den Erfolg Verdis an, der zuletzt mit seinem >>Rigoletto<< ein beliebtes Werk geschaffen hatte. Und auch die Premiere von >>La traviata<< stand wenige Monate bevor. >>Il Trovatore<<“ sticht als extrem verdichtetes Drama hervor, das schlaglichtartig den Blick auf die Szene der hoechsten Leidenschaften lenkt und mit praezise gewaehlten Zeitspruengen immer wieder die dramaturgischen Hoehepunkte in der Handlung ausmacht. Der atemberaubende Sog der Oper wird dabei besonders durch die Musik hervorgebracht. Die Komposition ermoeglicht, die emotionalen Zustaende der unterschiedlichen Figuren beinahe gleichzeitig und unmittelbar zu erleben und wartet bei aller Dramatik mit einer außerordentlichen Fuelle an melodischen Ideen und schoensten belcantohaften Gesangsphrasen und großen Choeren auf. Die Inszenierung von Regisseur Jens-Daniel Herzog stellt die vier Hauptfiguren buchstaeblich in den Mittelpunkt und laesst den Chor stets als Beobachter*innen auf die Buehnenbildkonstruktion von Johannes Schuetz im Zentrum der Buehne blicken. Jeder Protagonist*in ist dort eine Art Zimmer, ein eigener Ort zugewiesen, von dem aus sich die blinde, rasende Rachetragoedie entfaltet. © Deutsche Oper am Rhein